Armin Andreas Völckers (Drehbuchautor, Regisseur)
April 2008


Im Film entsteht Spannung aus einer zunehmenden Differenz zwischen den Erwartungen der Hauptfigur und den Resultaten ihrer Handlungen. Beispiel: Karl ruft im Büro seiner Frau an, um sie zu fragen, wann sie sich zum Lunch treffen, und seine Frau ist nicht da – stattdessen melden sich fünf Minuten später ihre Entführer. Um den Zuschauer Spannung erleben zu lassen, muss man sich auch an dessen Erwartungen halten. Zum Beispiel der Erwartung eines klar definierten Genres: in der Komödie etwa dürfen Gewaltdarstellungen oder ein Unfall nicht über ein bestimmtes Maß hinaus „wehtun.“ Im Drama darf ein wichtiger Wendepunkt der Handlung nicht veralbert werden. In einem Cowboyfilm haben Aliens nichts zu suchen – es sei denn es ist eine Komödie über Cowboys und Aliens. Heute
werden sogar an den Kunst- oder „Arthouse“-Film sehr konkrete Genreerwartungen geknüpft.

In der Malerei ist die Genreerwartung des Betrachters, dass sich die Hauptattraktion als Farbe auf einer Leinwand befindet. Kombinationen von bemalten Leinwänden mit Lautsprechern, kinetischen Objekten oder Performances haben sich auf Dauer nicht durchgesetzt. In der ungegenständlichen Malerei ist die Erwartung des Betrachters, eine vom Maler kreierte Spannung vorzufinden, die sich aus der Komposition, dem Auftrag und der Wahl der Farbmaterie ergibt. Dabei gibt es Ähnlichkeiten zum Film: das Auge des Betrachters macht eine zeitlich geordnete oder chaotische Reise durch den Illusionsraum, oder über die Fläche des Bildes. Das „Drama“ des abstrakten Bildes ist in der Regel weniger emotional als im Film, muss aber um nichts weniger spannungsreich sein: Kontrastfarben „brechen“ einander, Farbkörper „explodieren“, Farbe drängt, spielt, dominiert, gefriert, verzaubert, gerinnt usw. zu unerwarteten, verblüffenden, erhebenden oder meditativen Ordnungen und vielem mehr. Unsere Welterfahrung fließt - auch jenseits konkreter Assoziationen - mit in diesen Kanon ein und schafft ein geistiges Erlebnis, das in seiner Reduziertheit und Direktheit nur in der Malerei zu finden ist. Sie erzeugt im besten Falle einen „Kurzschluss“ als unmittelbaren, nichtvegetativen und nicht-kognitiven Zugang zum Zentralnervensystem, wie Francis Bacon es einmal formuliert hat.

Janine Gerber holt ihre Bildräume aus der Magie des Flecks. Sie „gerbt“ – in einer selbst gewählten Alliteration ihres Namens – die Farbräume und erzeugt Verwerfungen in der gesamten Bildfläche. Ihre Bilder erinnern an das Ausschlagen widerspenstiger Stoffe, wie etwa ein Gerber das Leder kämmt und walzt, an komplizierte, seltsam unstoffliche Reinigungsprozesse; sie sind scheinbar zufällige Entdeckungen von Licht- und Leuchtsituationen, sie haben eine atavistische Spannung, die jedoch nichts mit Höhlenmalerei oder primitiver Folklore zu tun hat, sondern tatsächlich erst im immateriellen Aufeinanderprallen von Lichtfarben entsteht. Die Spannung in Janine Gerbers Bildern entsteht nicht dort, wo sie gemalt wird und das verleiht ihren Bildern einen außerordentlichen Reiz.

Im Gegensatz z. B. zu Clifford Still, dessen Bilder trotz festgefügt scheinender Komposition und ein „allover“ von relativ dicker Farbmaterie ihre Leichtigkeit direkt aus der Assoziation holen, kann man Janine Gerbers abstrakte Farbkörper nicht dort mit etwas assoziieren, wo man sie vorfindet – sie entziehen sich einer spontanen Reaktion und Bewertung. Deshalb ist die „dramatische“ Reise durch ihre Bilder auch unaufhörlich spannend. Es sind Bilder, auf denen das Auge dem gleichen Weg nicht zweimal folgt, ein geheimnisvoll geordnetes Chaos, das erst in unserer eigenen Reaktion die Spannung enthüllt, deren Parameter wir angesichts des Bildes vergeblich versuchen abschließend in bereits Vorhandenes einzuordnen. Diese Vergeblichkeit erzeugt Neugier und Lust, die wir von so vielen der schlüssigen und auch schlüssig gemalten Bilder nicht mehr bekommen, die in solch großer Menge unsere jüngere Kunstgeschichte und unser visuelles Gedächtnis bevölkern. Janine Gerber ist eine außerordentliche Malerin mit einer außerordentlichen Sensibilität und einem großen Geheimnis, das sie in den reaktiven Umraum ihrer Bilder gebannt hat, und das wir hoffentlich niemals entschlüsseln werden.