Bei
Janine Gerber beginnt der Malprozess bereits vor dem eigentlichen
Farbauftrag, indem die Künstlerin zunächst zwei oder mehrere Ölfarben
zu einem neuen cremigen Farbton vermischt. Anschließend wird dieser mit
einem langborstigen Pinsel nass in nass auf die grundierte Leinwand
aufgetragen. In dem Moment des Farbauftrags wird die Künstlerin zur
Akteurin und der Malgrund zu ihrem Aktionsort. Jeder Druck, jede
Drehung oder jeder auch noch so feine Pinselschwung hinterlässt Spuren
auf der Leinwand, geradezu physische Strukturen oder auch kalligrafisch
anmutende Passagen, die einen Rhythmus oder eine bildimmanente Spannung
erzeugen. Was aus der Sicht manches Betrachters aus reiner Willkür
heraus zu entstehen scheint, setzt in Wahrheit ein komplexes
Verständnis für den Farbrhythmus und einen sehr differenzierten Umgang
mit der malerischen Form voraus. Janine Gerbers abstrakte Werke
entstehen aus der Tiefe des Farbraumes und entfalten ihre sinnliche
Kraft im differenten Widerschein des einfallenden Lichts. Erst ein
intensives Abtasten der Bildoberflächen mit den Augen lässt sie in
ihren unergründlichen Tiefendimensionen erstrahlen.
Dr. Dörte Beier, Kunsthistorikerin
Text / Katalog, unterstützt von der Possehl-Stiftung zu Lübeck
"In die GEDOK unterwegs"