Die Entdeckung der Langsamkeit
Zu den jüngeren Arbeiten von Janine Gerber
©  Stefan Dupke, Kurator und Kulturmanager, Hamburg, Februar 2013

Beim Betreten der Räume und dem ersten Erblicken der Exponate fällt unmittelbar auf, dass die Ausstellungsräume sehr bewusst gestaltet sind; mit einem tiefen Gespür für räumliche Dimensionen und Proportionen sind die einzelnen Werke in Beziehung zueinander und zum sie umgebenen Raum platziert. Eine ruhige Harmonie schlichter Formen und gedeckter Farben empfängt den Besucher, lädt ein zum Verweilen und Betrachten. Dieser erste Eindruck beinhaltet bereits viele Besonderheiten von Janine Gerbers Arbeit und einige ihrer Themen, doch es braucht Zeit, sie in ihrer materiellen und inhaltlichen Vielschichtigkeit zu erschließen. Die Ausstellung "Stille Schichten" mit abstrakten Gemälden und Papierinstallationen ist ein Plädoyer für eine Entschleunigung des Sehens. So fordert die Künstlerin den Betrachter zu Geduld und wiederholtem Hinsehen
auf.
Zudem fällt auf, dass ihre Ausstellung nicht im klassischen musealen Sinn perfekt ausgeleuchtet ist. Weder ein gleichmäßiges, neutrales Licht aus möglichst dezenten, in der Raumdecke verborgenen Leuchtkörpern, noch eine bewusste Akzentuentierung der Werke mit punktuellen Lichtquellen dominieren hier den Raum. Vielmehr ist die Stimmung geprägt vom sich verändernden Tageslicht. Wenn möglich, verzichtet Janine Gerber bei ihren Ausstellungen komplett auf Kunstlicht, denn die drei wesentlichen Gegenstände ihrer künstlerischen Recherche - Raum, Licht und Farbe - entfalten sich besonders in Beziehung zu stetig wechselnden, natürlichen Lichtverhältnissen.
 
Papier erobert den Raum
Als erstes begegnet der Besucher einer raumgreifenden Installation aus weißem Papier. Die Arbeiten, die Janine Gerber aus Papierbahnen fertigt, bewegen sich zwischen Installation, Skulptur und Environment. Sie zählen gleichermaßen zu den schlichtesten, am stärksten reduzierten wie zu den komplexesten Arbeiten im Werk der Künstlerin. Üblicherweise ist Papier reines Trägermaterial für schriftliche und bildliche Inhalte, die sich zweidimensional entfalten und erschlossen werden. Janine Gerber nimmt dem Papier diesen Bestimmungszweck. Stattdessen inszeniert sie es als dreidimensionales Objekt im Raum und nutzt es als bildhauerisches Material. Ihre Bearbeitung dieses Materials orientiert sich stark an der äußeren Form der Papierbahnen sowie an deren Wirkung im Raum und in Bezug zum sich veränderden Tageslicht. Die Bahnen werden gehängt oder gelegt, häufig in mehreren Schichten übereinander, von denen einzelne eingerissen oder eingeschitten werden. Mit einem Material, das für das Abbilden zweidimensionaler Zeichen hergestellt wurde, erobert Janine Gerber den Raum, während sie ihn und seine Wirkung zum Thema ihrer Arbeit macht. Sie nennt diese Arbeiten Skulpturen. Es gibt sie prinzipiell nur in Schwarz und in Weiß. Je nach Farbenlehre können beide gleichermaßen als die gleichzeitige Präsenz aller Farben wie auch als die Abwesenheit jeder Farbe gesehen werden, als Alles oder Nichts. Für Janine Gerber sind sie die reinsten Formen des Lichts. Entsprechend eigenen sie sich perfekt, um die unterschiedlichen Farbqualitäten des Tageslichts an ihnen wahrzunehmen. Auch wenn der Betrachter zu wissen glaubt, dass das Papier weiß ist, so muss er doch bei näherer Betrachtung zugeben, dass das einfallende Tageslicht ihn nie reines Weiß sehen lässt - Schattierungen von grau, gelb, rot oder blau sind je nach Uhrzeit und Wetterlage vorherrschend. Diesen feinen Nuancen gilt es nachzuspüren, ebenso wie den Reflektionen des Raumes, der Schatten, der eigenen Bewegungen und der Reise des eigenen Blicks. Diese ortsspezifisch angefertigten, temporären Arbeiten sind somit gegenstandslos, ohne abstrakt zu sein, denn sie thematisieren konkret die wesentlichen Gegenstände ihrer künstlerischen Auseinandersetzung: Farbe, Licht und Raum. So weisen die Papierbahnen auch eine Eigenschaft auf, die Janine Gerber, bezogen auf die Malerei, als "malerische Sonnenuhr" beschreibt.
 
Malerische Sonnenuhr mit unschönen Farben
In ihrer Malerei untersucht sie die gleichen Themenkomplexe. Die Gemälde, von denen eines in direkter Korrespondenz mit der nicht betitelten Papierarbeit präsentiert wird, sind ebenfalls sehr reduziert in ihrer Farbigkeit und Formensprache, teilweise fast monochrom. So beschränkt sich das verwendete Spektrum auf wenige Farbtöne, welche die Künstlerin selbst als "unschöne Farben" beschreibt: weiß, grau, grün sowie Ocker- und Erdtöne. Die Ölfarben mischt Janine Gerber individuell an und verarbeitet sie "nass in nass". Mit großen Pinseln, Bürsten und Rakeln schiebt sie die Farbmassen ineinander, schichtet sie auf, gibt ihnen Form und Struktur. In dieser Arbeitsweise fließen Konzeption und Intuition zusammen. Die Gemälde sind keine spontanen Action-Paintings, sondern sorgfältig komponiert. Dennoch gibt es Raum für Zufälliges und Unvorhergesehenes. Dabei agiert die Malerin mit einem feinen Gespür für Strukturen, Flächen und Proportionen. So gestaltet sie nicht nur den Bildraum, sondern löst ihn auf und erweitert damit auch ihre Malerei in die dritte Dimension. Das Werk ist für sie mehr ein Objekt im Raum als "nur" ein Tafelbild. In diesem Zusammenhang gilbt ihre Recherche zum Thema der Farbe somit nicht nur dem Licht auf der Netzhaut des Betrachters, sondern auch den Ölen und Pigmenten auf der Leinwand. Als Malgrund verwendet Janine Gerber unterschiedliche Stoffe: Baumwolle, Leinen, Jute. Bei jedem Material liegt eine individuelle, teils sehr grobe Gewebestruktur vor, ein Eigenleben, welches bewusst erhalten und in die Arbeit einbezogen wird. Die entstehenden Formen und Strukturen mit ihren unterschiedlich matten oder glänzenden Oberflächen gilbt es mit den Augen abzutasten und in ihrer Vielschichtigkeit zu entdecken, ihre Wirkung in der Situation des Raumes und die Interaktion mit wechselnden Lichtverhältnissen.
 
Die Wagentür schiebt sich nach links
Janine Gerbers Bilder sind offensichtlich nonfigurativ, gegenstandslos. Dennoch sind sie meist inspiriert von konkreten Begebenheiten. "Die Wagentür schiebt sich nach links" geht beispielsweise zurück auf einen Moment im Leben der Künstlerin, in dem sie fasziniert das Öffnen einer Wagentür beobachtet und dem Geräusch der Hydraulik lauschte. Was sie in jenem Moment bewegt hat oder warum es für sie erinnernswert ist, teilt sie nicht mit. Lediglich einen Verweis auf die Situation des Eindrucks erhält der Betrachter. Diesen Eindruck - etwa die erlebten Bewegungen und Geräusche - sucht Janine Gerber in eine abstrakte Form zu überführen. Darum könnte man diesen Bereich ihres Schaffens als abstrakten Impressionismus beschreiben. Die Gemälde lassen sich mit diesen Informationen jedoch nicht entschlüsseln in dem Sinne, dass der Betrachter damit Bildelemente eindeutig einem dargestellten Gegenstand, einer Person oder Landschaft zuordnen könnte. Sie bleiben abstrakte Darstellungen eines individuellen subjektiven Eindrucks der Künstlerin. Doch sie gibt mit den Titeln sowohl einen Verweis auf die Situation als auch eine Anregung zum freien, subjektiven Assoziieren, das den Betrachter vielleicht ebenfalls auf eine gedankliche Reise zu Erinnerungen an konkrete Situationen führt.
Das Thema der Subjektivität von Sinneseindrücken taucht bei Janine Gerber immer wieder auf, umd sie lädt dazu ein, die eigene Wahrnehmung genussvoll zu erkunden. Das Verweilen des Blicks, die Reise des Auges über Formen, Farben und Flächen sind dabei ihr Ziel und Gegenstand ihrer Recherche zugleich. All das geschieht anhand ihrer drei Hauptthemen oder besser gesagt ihrer wesentlichen Untersuchungsgegenstände: Farbe, Licht und Raum.
Wegen dieser Vielschichtigkeit in Material und Inhalt erfordern die Gemälde von Janine Gerber Zeit, erschließen sie sich erst im genauen und wiederholten Betrachten. Und sie bilden, wie die gesamte Ausstellung, eine "malerische Sonnenuhr", die bei wechselnden Lichtverhältnissen unterschiedlich wirkt, unterschiedliche Signale gibt und unterschiedliche Informationen übermittelt. So wie die Künstlerin allgemein dem Licht eine schälende - also freilegende - Wirkung zuschreibt, werden auch die "Stillen Schichten" ihrer Malerei erst durch das Tageslicht freigelegt.
Eine Möglichkeit, sich der Ausstellung zu nähern, könnte sein, sich ein Buch mitzubringen und für einige Stunden hier zu lesen. Zwischen den Kapiteln könnte man wunderbar die Veränderungen der Lichtverhältnisse und damit der Raumwirkung und der Bilder betrachten. Die Romane von Marcel Proust bieten sich hierfür an, denn sie reflektieren ebenfalls die Subjektivität von menschlicher Wahrnehmung und Erinnerung. Oder tatsächlich "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny.
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